Sascha Rakers

Achtsam leben. Kreativ erzählen. Verbunden wirken.

Schwarz-weiß-Porträt eines Mannes mit Brille und Hemd, der lächelnd in die Kamera blickt.

Wer bezahlt die Rechnung?

Major General Smedley Butler (1881-1940), zweimal mit der Medal of Honor ausgezeichnet, begann als Zivilist mit dem Schreiben. Sein Buch War is a racket (dt.: Krieg ist ein Geschäft) veröffentliche Round Table Press im Jahr 1935, worin er Angriffskriege grundsätzlich ablehnt. Hier die deutsche Übersetzung des dritten Kapitels.

Die Originalfassung kann in Englisch hier gelesen und heruntergeladen werden.

Ein Panzer, der im Krieg auf einer sandigen Fläche entlang rollt. Oben auf sitzt ein Soldat. Links daneben stehen Büsche und Sträucher.
Foto: Kevin Schmid – Unsplash

Wer ermöglicht die Gewinne – diese netten kleinen Gewinne von 20, 100, 1.500 und 1.800%? Wir alle zahlen dafür – mit Steuern. Wir bezahlen den Banken ihren Gewinn, wenn wir Liberty Bonds im Wert von 100 Dollar kaufen und ihnen diese für 84 oder 86 Dollar zurück verkaufen. Diese Banken sammelten 100 Dollar ein. Eine ganz einfache Manipulationstaktik. Die Banken kontrollieren die Sicherheitsmärkte, sodass es für sie einfach war, die Preise für diese Anleihen zu drücken. Dann bekamen alle von uns – die Bevölkerung – Angst und verkauften die Anleihen zu einem Preis von 84 oder 86 Dollar. Die Banken setzten einen Stimulus für einen Boom und die Staatsanleihen gingen auf Par – und darüber hinaus. Die Gewinne sammelten die Banken ein.

Aber die Soldat:innen bezahlen den größten Teil der Rechnung.

Wenn du das nicht glaubst, besuche einmal die amerikanischen Friedhöfe rund um die Schlachtfelder. Oder besuche irgendeine Veteranenklinik in den USA. Auf einer Reise durch das Land, in dessen Mitte ich mich befinde, während ich dies schreibe, besuchte ich 18 staatliche Kliniken für Veteranen. In diesen lagen 50.000 verstümmelte Menschen – Menschen, die vor 18 Jahren zu den Ausgewählten der Nation gehörten. Der sehr fähige Chefchirurg der staatlichen Klinik in Milwaukee, in dem sich 3.800 der lebenden Toten befanden, erzählte, dass die Mortalitätsrate unter Veteranen dreimal so hoch ist wie unter denen, die zuhause blieben.

Jungen mit einem gesunden Standpunkt wurden von den Feldern, aus den Büros, Fabriken und Klassenräumen genommen und in die Reihen aufgenommen. Sie wurden umgestaltet; überarbeitet; zum „Umkehren“ gezwungen; sollten Mord als an der Tagesordnung stehend betrachten. Schulter an Schulter gestellt und durch Massenpsychologie gänzlich verändert. Wir setzten sie einige Jahre ein, trainierten sie, und lehrten ihnen überhaupt nichts vom Töten oder Getötet-werden zu denken.

Plötzlich entließen wir sie und riefen sie zu einer erneuten „Umkehr“ auf! Diesmal mussten sie sich selbst neu ausrichten, ohne Massenpsychologie, ohne die Hilfe und Beratung von Beamt:innen und ohne landesweite Propaganda. Wir brauchten sie nicht mehr. Also verstreuten wir sie ohne „Drei-Minuten-“ oder „Liberty-Loan“-Reden oder Paraden. Viele, zu viele, dieser netten Jungen sind vielleicht traumatisiert, weil sie diese finale „Umkehr“ nicht alleine bewerkstelligen konnten.

In der staatlichen Klinik in Marion (Indiana) sind 1.800 dieser Jungen in Ställen untergebracht! 500 von ihnen in Baracken mit Stahlstangen und Drähten außerhalb des Gebäudes und den Veranden. Diese sind bereits traumatisiert. Diese Jungen sehen nicht mehr so aus wie Menschen. Oh, die Gesichtsausdrücke! Körperlich sind sie in guter Verfassung; aber geistig sind sie weg.

Es gibt Tausende und Abertausende dieser Fälle, und es kommen ständig mehr und mehr hinzu. Die enorme Aufregung des Krieges, die plötzliche Beendigung dieser Aufregung – diese Jungen konnten dem nicht standhalten.

Das ist ein Teil der Rechnung. So viel zum Tod – sie haben ihren Teil für die Kriegsgewinne bezahlt. So viel zu den psychisch und körperlich Verwundeten – sie zahlen jetzt ihren Anteil an den Kriegsgewinnen. Aber auch die anderen bezahlten dafür – sie bezahlten mit Herzschmerz, wenn sie sich von ihren Kaminen und Familien losrissen und die Uniform von Uncle Sam anzogen, mit der ein Gewinn erzielt wurde. Einen anderen Teil bezahlten sie in den Trainingscamps, in denen sie reglementiert wurden und exerziert haben während andere ihren Berufen nachgingen und in ihren Gemeinden einen Platz fanden. Sie bezahlten in den Gräben, in denen sie schossen und erschossen wurden; in denen sie tagelang hungrig waren; in denen sie im Schlamm, in der Kälte und im Regen unter dem schrecklichen Schlaflied des Stöhnens und Schreiens der Sterbenden schliefen.

Doch vergessen wir dabei nicht, dass auch sie einen Teil des Geldes zahlten.

Bis einschließlich des amerikanisch-spanischen Kriegs gab es ein Preissystem und die Soldat:innen und Matros:innen kämpften um Geld. Während des Bürgerkriegs erhielten sie in vielen Fällen eine Prämie, bevor diese ihren Dienst antraten. Die Regierung oder die Staaten zahlten für jede Rekrutierung bis zu 1.200 Dollar. Im spanisch-amerikanischen Krieg gab es Preisgelder. Als wir irgendwelche Schiffe kaperten, bekamen alle Soldat:innen ihren Anteil – zumindest sollten sie das. Dann fanden wir heraus, dass wir die Kosten des Krieges senken konnten, indem wir die Preisgelder nahmen und behielten, aber die Soldat:innen trotzdem einzogen. So konnten Soldat:innen nicht über ihre Arbeit verhandeln, alle anderen jedoch schon. Nur die Soldat:innen konnten dies nicht.

Napoleon sagte einmal:

Alle Menschen sind in Auszeichnungen verliebt … sie hungern förmlich danach.

Durch die Entwicklung des napoleonischen Systems – dem Medaillen-Business – lernte die Regierung, dass sie Soldat:innen für weniger Geld rekrutieren konnte, weil die Menschen es mochten, sich mit Auszeichnungen zu schmücken. Bis zum Bürgerkrieg gab es keine Medaillen; dann verteilte man die Ehrenmedaille des Kongresses. Das machte Rekrutierungen einfacher. Nach dem Bürgerkrieg bis zum spanisch-amerikanischen Krieg stellte man keine neuen Medaillen mehr aus.

Im [Ersten] Weltkrieg nutzten wir Propaganda, damit die Jungen die Wehrpflicht akzeptieren. Sie sollten sich beschämt fühlen, wenn sie der Armee nicht dienten.

Diese Kriegspropaganda war so bösartig, dass sogar Gott hineingezogen wurde. Mit wenigen Ausnahmen schlossen sich unsere Geistlichen dem Ruf nach „töten, töten töten“ an. Die Deutschen zu töten. Gott ist auf unserer Seite … es ist Sein Wille, dass die Deutschen getötet werden.

Und in Deutschland riefen die guten Pastor:innen dazu auf, die Verbündeten zu töten … um denselben Gott zu erfreuen. Das war Teil einer allgemeinen Propaganda, darauf aufgebaut, Menschen kriegs- und mordlustig zu machen.

Für unsere Jungen, die ausgesendet wurden, um zu sterben, zeichnete man wunderschöne Ideale. Es war der „Krieg, der alle Kriege beendet“; der „Krieg, der die Demokratie in der Welt schützt“. Niemand erwähnte ihnen gegenüber, als sie losmarschierten, dass ihr Weggehen und Sterben riesige Kriegsgewinne verursachte; dass sie von Kugeln, die von ihren eigenen Brüdern [und Schwestern] hergestellt wurden, niedergeschossen werden könnten. Niemand erzählte ihnen, dass die Schiffe, auf denen sie segelten, von U-Booten mit von US-amerikanisch patentierten Torpedos beschossen werden konnten.

Man sagte ihnen, dass es ein „glorreiches Abenteuer“ sei.

Nachdem man ihnen den Patriotismus aufgezwungen hatte, beschloss man, sie auch für die Finanzierung des Krieges heranzuziehen. Also gaben wir ihnen ein hohes Gehalt in Höhe von 30 Dollar pro Monat. Alles, was sie für diese großzügige Summe tun mussten, war es, ihre Liebsten zurückzulassen, ihre Arbeit aufzugeben, in sumpfigen Gräben zu liegen, Dosen-Würstchen zu essen (wenn sie welche bekommen konnten) und töten und töten und töten … und getötet werden.

Moment mal!

Die Hälfte des Lohns (etwas mehr als ein:e Nieter:in in einer Werft oder ein:e Arbeiter:in in einer Munitionsfabrik, die sicher zu Hause waren) wurde ihnen prompt abgenommen, um die Angehörigen in der Heimat zu unterstützen, damit diese nicht von der Gemeinde abhängig wären. Dann ließen wir sie eine Unfallversicherung zahlen, etwas für das in einem aufgeklärten Staat Arbeitgeber:innen bezahlen, was den Soldat:innen 6 Dollar kostete. Am Ende blieben diesen noch 9 Dollar für einen Monat übrig.

Und dann die krönendste Unverschämtheit von allen: Man zwang die Soldat:innen praktisch für ihre eigene Munition, Kleidung und Nahrung mit Liberty Bonds zu bezahlen. Die meisten Soldat:innen erhielten an allen Auszahlungstagen kein Geld.

Wir haben sie dazu gebracht, Liberty Bonds in einer Höhe von 100 Dollar zu kaufen und kauften sie dann – wenn sie aus dem Krieg zurückkehrten und keine Arbeit finden konnten – für 84 und 86 Dollar zurück. Der Gesamtwert der Anleihen, den die Soldat:innen kauften, betrug 2 Milliarden Dollar.

Ja, die Soldat:innen bezahlten den größeren Teil der Rechnung. Ihre Familien zahlten ebenso. Sie bezahlten mit demselben Herzschmerz wie sie es taten. Während die Soldat:innen leiden, leiden sie. In den Nächten, als sie in den Gräben lagen und Granatsplitter an ihnen vorbeiflogen, lagen sie zuhause in ihren Betten und schliefen unruhig – Vater, Mutter, Frau, Schwester, Bruder, Söhne und Töchter.

Wenn sie mit einem Auge, einem Bein weniger oder traumatisiert nach Hause zurückkehrten, litten sie ebenso – manchmal sogar mehr als die Soldat:innen selbst. Ja, und auch sie haben ihre Dollars beigesteuert, um die Gewinne der Munitionsfabrikant:innen, Banken, Schiffbauer:innen, Unternehmen und Spekulant:innen zu ermöglichen. Sie kauften auch Liberty Bonds und trugen so zu den Gewinnen des ganzen Hokus-Pokus der Banken der manipulierten Liberty Bonds nach dem Waffenstillstand bei.

Und nun leiden und zahlen die Familien der verwundeten und traumatisierten Männer und Frauen und diejenigen, die sich nie wieder anpassen konnten, weiter.