Neurodivergenz ist für mich ein großes Spektrum: Ich zähle nicht nur die typischen „Störungsbilder“ ADHS und Autismus, sondern auch die Dyskalkulie, Dyslexie, PDA, Hoch- aber auch Minderbegabung oder das Tourette-Syndrom dazu. Genau dieser Aspekt, dass sich alle „andersartigen“ Menschen in Wirklichkeit in einem Spektrum, jedoch mit ganz unterschiedlichen Ausprägungen und Herausforderungen, befinden, fehlte mir in der bisherigen Berichterstattung. Warum ich sonst noch über Neurodivergenz schreibe, erfährst du in diesem Artikel.

Wie ich meine eigene Neurodivergenz entdeckte
Angefangen hat alles 2020. Mitten in der Corona-Pandemie kickte mich ein Burnout aus meinem beruflichen und privaten Alltag heraus. Nachträglich betrachtet, waren bereits Jahre zuvor Symptome vorhanden – nur wollte ich sie nicht wahrhaben. Doch in dieser Zeit mit all den neuen Anforderungen in der Altenpflege, dem zusätzlichen Druck und das Mitleiden mit den Bewohner:innen, die fortan keinen Besuch mehr erhielten, wurden diese erst sichtbar.
Wahrscheinlich befand ich mich schon immer im falschen Beruf. Mir war oft alles zu viel, zu laut, zu grell. Zu viele Emotionen auf einmal. Genau an diesem Punkt, mit der Diagnose Burnout, kam der erste Verdacht auf das Vorliegen einer Autismus-Spektrum-Störung auf. Und nur, weil ein anderer Patient seinen Termin abgesagt hat, kam ich relativ zügig zu einem Termin für die Diagnostik.
Für mich erklärte das vieles, doch nicht wirklich alles. Was war mit meiner inneren Unruhe? Mit meinem Bewegungsdrang während (langweiligen) Veranstaltungen? Oder mit meiner ständigen körperlichen Anspannung und meiner inneren Alarmbereitschaft?
Psychologie wurde zu meinem Spezialinteresse
Damals verneinte ich es noch, dass ich irgendein Spezialinteresse haben könnte. Heute weiß ich es besser – auch weil ich stereotypische Vorstellungen hinter mir gelassen habe. Denn als spätdiagnostizierter Autist Sprache als Spezialinteresse zu haben, erschien mir doch zu ungewöhnlich. Wo wir doch alle wissen, dass Autisten genau dort Probleme haben. Doch ich schrieb schon früh Geschichten, nahm an Schreibwettbewerben teil oder wirkte beim Kinderradio mit. Und seit meinem Burnout beschäftigte ich mich nun zunehmend auch mit Psychologie.
Ich stieß zunächst auf den Begriff Entwicklungstrauma und darauf, wie schädlich emotional nicht erreichbare und manipulative Elternteile für das Kind sein können. Ich flüchtete mich so als Kind ins Schweigen: eine Traumareaktion, weil ich nicht so gesehen wurde, wie ich wirklich bin. Vielleicht auch nicht so sein durfte. Ein Kind, welches aber schweigt, fühlt sich nicht sicher genug.
In der Tagesklinik bemerkte ich, als eine Mitpatientin das Zupfen an der Haut um die Fingernägel oder das kleinteilige Aufschreiben von Aufgaben als ADHS-Symptomatik beschrieb, genau dies auch an mir. Es ist dieses immer etwas in der Hand haben müssen, die ständige Unruhe oder auch die Herausforderung, Aufgaben zu beginnen und durchzuhalten. Eine offizielle ADHS-Diagnose habe ich bisher zwar nicht, doch das Projekt ADxS.org hält jedoch einen sehr umfangreichen und fundierten Selbsttest bereit. Die Ergebnisse weisen auf eine deutliche ADHS-Symptomatik hin – für mich als Selbstdiagnose erstmal völlig ausreichend und auch valide.
Jahre später absolvierte ich einen IQ-Test bei Mensa. Heraus kam eine insgesamt überdurchschnittliche Intelligenz mit – das konnte ja vorher nun wirklich keiner ahnen – einer sprachlichen Hochbegabung. Daher rührte also mein großes Interesse an Sprache.
Irgendwann stieß ich dann noch auf das Phänomen der Pathological Demand Avoidance – vieles davon auch auf mich zutreffend. Bin ich nun ein Unikum, das alle Neurodivergenzen in sich vereint? Oder sind das doch alles nur Reaktionen auf eine traumatische Kindheit? Eine Antwort darauf habe ich – Stand heute – bisher noch nicht gefunden.
Neurodivergenz als verdecktes Trauma?
Zum ersten Mal wurde ich mit dieser kontroversen Meinung in einem Beratungssetting im Zusammenhang mit Trauma konfrontiert. Gerade in Bezug auf selektives Schweigen in bestimmten Situationen, welches dem „Krankheitsbild“ des Mutismus nahekommt, scheint diese Aussage für mich als ehemaliger Betroffener* durchaus zutreffend zu sein. Wie sonst könnte ich es erklären, dass ich besonders in Gegenwart von Autoritätspersonen als Kind geschwiegen habe? Gerade, wenn Kinder bei Elternteilen aufwachsen, für die sie „zu viel“ sind, entwickelt sich solch ein Muster: Dort dient es dem Schutz, um nicht die „Liebe“ zu verlieren; woanders ist es meist nur hinderlich.
Inzwischen wurde durch eine Studie festgestellt, dass belastende Erfahrungen im Kindesalter zudem das Gehirn schneller altern lassen. Darin heißt es: „Frauen, die in ihrer Kindheit in hohem Maße Stress oder Trauma erlebten, wiesen im Blut vermehrt Biomarker für Entzündungen und Neurodegeneration auf, hatten ein geringeres Hirnvolumen und mehr kognitive Probleme.“1
ADHS und Autismus werden als tiefgreifende Entwicklungsstörung gelabelt und haben Veränderungen im Gehirn der Betroffenen zur Folge, was in der weiteren Betrachtung zu den bekannten Einschränkungen der exekutiven Funktionen, Reizverarbeitung oder emotionaler Dysregulation führt. So wirkt sich früher Missbrauch bei Kindern „negativ auf die Entwicklung der rechten Hirnhälfte aus“2 und sie verlieren wichtige soziale Fähigkeiten.
Weshalb Neurodivergenz heute als genetisch vererbbar und angeborene Einschränkung gilt, liegt m. E. darin begründet, dass ab der Generation der Millenials (1981-1996) Traumata der Großeltern und Eltern vermehrt als transgenerationales Trauma bei diesen zum Vorschein kommen. Wenn aber belastende Erfahrungen Hirnveränderungen bewirken, sind auch alle nachfolgenden Generationen von einer veränderten Hirnstruktur betroffen. In Experimenten mit Ratten wurde eine Veränderung von Genen nach traumatischen Ereignissen bereits nachgewiesen3.
Andersartigkeit bereichert das Leben
Diagnosen sind in diesem System zwar unerlässlich, wenn ich bestimmte Hilfen in Anspruch nehmen möchte. Doch viel eher geht es doch darum, sich selbst weiterzuentwickeln und den Kreislauf der transgenerationalen Weitergabe von Trauma zu unterbrechen. Für mich ist das Leben ein Spiel, ein Experiment, etwas in dem man sich selbst ausprobieren kann und darf. Genau das, was auch diesen Blog hier auszeichnet: Es ist ein „Running Launch“, ein Projekt, welches mit meinen und deinen Erkenntnissen und Erfahrungen mitwächst.
Es ist für mich nicht mehr entscheidend, ob ich nun als „anders“ gelte. Denn am Ende gleicht doch kein Mensch dem anderen: Jede:r ist von individuellen Erfahrungen geprägt, die manchen schön und manch andere wiederum ganz schrecklich. Daraus entwickeln sich Gedanken und Verhaltensweisen, die für manche „komisch“ sein können, aber genau diese eine Person ausmachen. Der Mensch ist für mich dazu da, um einfach „nur“ zu sein – so wie er ist.
Anstatt uns über „Diagnosen“ oder Neurodivergenz und die damit verbundenen Unterschiede zu definieren, sollten wir uns stattdessen eher auf unseren kleinsten gemeinsamen Nenner konzentrieren: Das Mensch sein. Und darauf, dass wir vermeintliche „Fehler“ nicht als Schwächen betrachten, sondern als Stärken und als etwas, das unsere Gesellschaft bereichert.
Um wie viel trauriger wäre nämlich das Leben, wenn alle gleich sind?
Ein Safe Space für alle, die „anders“ sind
Als selbst neurodivergente Person habe ich daher diesen Blog als einen „Safe Space“ geschaffen. Nicht nur für mich selbst, in dem ich über meine Erfahrungen, über Tools, die mir geholfen haben oder meine Probleme in einer neurotypischen Welt schreibe, sondern auch um dir einen geschützten Austausch mit anderen Menschen im neurodivergenten Spektrum zu bieten.
Oder auch für Menschen, die sich solidarisch mit denen verbinden, die oft genug stigmatisiert werden. Ein Ort, an dem das Verständnis über sich selbst wachsen darf und Menschen einander zuhören und sich verbinden. Und für Fachkräfte, die sich für die Erlebnisse neurodivergenter Menschen interessieren und sich dahingehend fortbilden möchten.
Und es ist auch ein „Safe Space“ für mich, in dem meine Gedankengänge und Assoziationen frei und ungefiltert fließen können.
Quellen und Literaturnachweise:
- Risiko für spätere Demenzerkrankungen rechtzeitig erkennen und vorbeugen, Pressemitteilung der Charité – Universitätsmedizin Berlin vom 13.02.2025, abgerufen am 17.12.2025, URL: https://www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/belastende_erfahrungen_im_kindesalter_lassen_das_gehirn_schneller_altern ↩︎
- Gehirnhemisphären, abgerufen am 17.12.2025, URL: https://www.adxs.org/de/page/162/gehirnhemisphaeren ↩︎
- Transgenerationale Traumatisierung – Aus Wunden werden Narben, Deutschlandfunk Kultur, abgerufen am 17.12.2025, URL: https://www.deutschlandfunkkultur.de/trauma-traumata-transgenerational-generationen-100.html ↩︎