Unsichtbare Behinderung – sichtbare Erschöpfung

Neurodivergente Menschen funktionieren oft schon seit ihrer Kindheit erstaunlich gut. Sie haben gelernt sich anzupassen, still zu sein, wenn es von ihnen erwartet wird und ihr Stimming nur nicht in der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen. Dadurch wird ihre Behinderung von der Normgesellschaft nur allzuoft übersehen. In diesem Artikel berichte ich von eigenen Erfahrungen dazu.

Foto: Laura Mann – Unsplash

Identitätskrise mit Ansage

Wer kennt noch die Werbung für Snickers, in der es heißt „Du bist nicht du, wenn du hungrig bist“? Für neurodivergente Menschen hilft aber kein Schokoriegel. Menschen im Autismusspektrum, mit ADHS, Trauma oder anderen von der „Norm“ abweichenden „Auffälligkeiten“, sind selten sie selbst. Sie haben von klein auf gelernt, dass sie „zu viel“ oder „zu wenig“ sind. Sie sollen sich gefälligst der Mehrheitsgesellschaft fügen. Manche nennen das auch Integration.

Inzwischen werden manche als Eigenheiten bezeichneten Eigenschaften neurodivergenter Menschen gut toleriert, also von der ursprünglichen Wortbedeutung her von der Mehrheit ertragen. Doch das Ziel z. B. vieler Therapien und anderer Hilfen bleibt die vollständige Anpassung an eben diese Gesellschaft. Sie sollen funktionsfähig sein, um ihren Anteil an der wirtschaftlichen Gesamtleistung eines kapitalistischen Staates zu leisten. Doch wenn man nicht sein darf, wer und wie man wirklich ist, verliert man sich irgendwann selbst.

Es gab Zeiten in meinem Leben, in denen ich Sätze und Wörter teilweise 1:1 von anderen übernommen habe. Weil sie scheinbar gut ankamen. Am Ende stand für mich dann die Frage: Wer bin ich eigentlich? Wo fange ich an – und wo hören die anderen auf?

Wenn Behinderung erschöpft

Zum einen zeigt dieses Verhalten zwar, dass ich als neurodivergenter Mensch durchaus sehr anpassungsfähig bin. Doch führte dieses Masking am Ende dazu, dass ich so erschöpft war, dass selbst alltägliche Aufgaben zu einer unüberwindbaren Herausforderung wurden. Ärzt:innen und Therapeut:innen diagnostizierten dann fälschlicherweise eine Depression mit begleitendem Burnout. Ich hatte das große Glück, an eine Therapeutin geraten zu sein, die abseits hiervon gleich zu Beginn ihren Verdacht in Bezug auf eine Autismus-Spektrum-Störung äußerte.

Die klinische Symptomatik einer Depression zeichnet sich nämlich besonders durch eine anhaltende gedrückte Stimmung und Interessen- oder Freudlosigkeit aus. Als weitere Symptome gelten u. a. Antriebsmangel, verminderte Konzentration oder Hoffnungslosigkeit1. Symptome, die bei mir nie ausschlaggebend waren. Im Vordergrund stand hierbei immer eine permanente Erschöpfung, die es mir trotz gutem Antrieb nicht mehr ermöglichte, Dinge zu tun, die mir Spaß machten: Ich wollte – aber mein Körper und meine Psyche nicht.

Heute weiß ich, dass das ein innerer Schutzreflex war, um mich vor weiterer Überlastung zu schützen – ein „klassischer“ autistischer Burnout. Erstaunlicherweise hielt ich mein Masking bis zuletzt und nahezu ohne Brüche aufrecht. Das ermöglichte es mir, meinen damaligen Beruf als Altenpfleger* auch weiterhin gewissenhaft auszuüben. Ich schlitterte aber von einem Shutdown in den nächsten – die Nacht oder freie Tage reichten zur Erholung schon lange nicht mehr.

Vielleicht wollte ich mir durch das weiterhin fast durchgehende Masking auch nichts anmerken lassen. Zeigen, dass ich „normal“ bin und es wie alle anderen auch schaffe.

Wenn die Maske bröselt

Doch all das half mir nicht viel. Meine Erschöpfung sah man mir von außen an – zumindest wurde mir das zurückgemeldet. Es zeigte sich in Konzentrationsstörungen, einer erhöhten Reizbarkeit und auch einer ständigen körperlichen Anspannung. Ich hatte Schwierigkeiten komplexe Probleme zu lösen, weil fortlaufend alle akustischen, visuellen und emotionalen Reize auf mich einprasselten. Mein Gehirn und mein Nervensystem waren im Dauerbetrieb – und unter Dauerbeschuss.

Mein Masking hatte dort schon Risse, die nicht mehr zu flicken waren. Etwas später kamen meine, wie ich heute weiß, autistischen Verhaltensmerkmale deutlicher zum Vorschein. Ich sprach aus, was ich in dem Moment dachte – direkt, ehrlich und manchmal auch vollkommen emotionslos. Vielleicht war ich in diesen Situationen zum ersten Mal ich selbst?!

Und trotz allem hatte ich mich mit einer unsichtbaren Behinderung mehr oder weniger erfolgreich in die Mehrheitsgesellschaft integriert.

Das unsägliche Problem mit der Integration

Integration von Menschen mit einer unsichtbaren Behinderung in die Gesellschaft heißt oft, dass sie Hilfen aktiv einfordern müssen. Eben wie Rollstuhlfahrer:innen, die vorher den Mobilitätsservice der Deutschen Bahn informieren müssen, wann sie wo ein- bzw. aussteigen wollen. In einer wirklich inklusiven Gesellschaft ist die Umgebung jedoch barrierefrei und für alle jederzeit zugänglich.

Für neurodivergente Menschen würde das bedeuten, dass es bereits ab dem Kindergarten entsprechende Rückzugs- und Ruheräume gibt. Räume, die diese Kinder jederzeit aufsuchen können müssen – und nicht erst zu von außen festgelegten Zeiten. Jedes Nervensystem reagiert anders: Das eine Kind kann Reizen länger standhalten, ein anderes Kind wiederum kürzer. In Schule, Ausbildung und Beruf sollten solche Ruheräume ebenfalls Standard, und kein Nice-to-have, sein.

Am Arbeitsplatz bräuchte es fest etablierte Strukturen, die es auch Menschen mit unsichtbarer Behinderung ermöglichen, ihre Stärken beruflich einzubringen und Potentiale auszuschöpfen. Viele von diesen landen in der vollständigen Erwerbsminderungsrente und in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM), obwohl viele davon in der richtigen Umgebung – und manche ggf. auch mit Unterstützung durch eine Arbeitsassistenz – zur Höchstform auflaufen könnten. Menschen, die kaum integrierbar scheinen, werden stattdessen lieber in solche Einrichtungen abgeschoben.

Inklusion hingegen bedeutet, gesellschaftliche Strukturen zu verändern. Menschen müssen unabhängig einer vorhandenen Behinderung gleichberechtigt an allen Lebensbereichen teilhaben können, ohne dass für diese Möglichkeiten außerhalb der „Norm“ geschaffen werden.

Hilfen sind Teil des Alltags zu werden

Öffentlich zugängliche Räume wie etwa Bahnhöfe müssen für alle benutzbar sein. Das kann etwa geschehen durch die Nutzung von Einfacher bzw. Leichter Sprache, welche auch Menschen mit Leseschwierigkeiten zugute kommt. Bereitgestellte Roboter könnten Personen mit Dyskalkulie unmittelbar beim Finden des (geänderten) Gleises behilflich sein.

Auf dauerndes Gedudel oder die Ansage von besonderen Rabattangeboten in Supermärkten sollte im Sinne der Inklusion neurodivergenter Menschen grundlegend und komplett verzichtet werden. Was nützt es einmal in der Woche eine „Stille Stunde“ einzuführen, wenn Läden des täglichen Bedarfs zu einem großen Teil der Woche auf neurotypische Bedürfnisse zugeschnitten sind? Dazu zählt etwa auch das ständige Umstellen von Waren oder Warengruppen.

Mit etwas gutem und vor allem ernstem Willen, könnte der öffentliche wie auch private Raum zu einem Raum für alle werden – und Neurodivergenz zum „neuen Normal“. Ich bin fest davon überzeugt, dass auch neurotypische und nicht-behinderte Menschen davon profitieren würden.

  1. Diagnose der Depression, Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention, abgerufen am 20.12.2025, URL: https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/was-ist-eine-depression/diagnose-der-depression ↩︎

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